Streit um Grenzwerte: Warum die Wissenschaft schweigt und der Siggener Kreis recht hat

Der Zeitpunkt war gut gewählt, um sich größtmögliche Aufmerksamkeit zu sichern. Gerade erst hatte Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) die Expertinnen und Experten seiner eigenen Arbeitsgruppe „Klimaschutz im Verkehr“ spektakulär diskreditiert: Gegenüber dpa erklärte er, das vorgeschlagene Tempolimit von 130 Stundenkilometern auf Autobahnen sei gegen jeden Menschenverstand“. Da legt der 70-Jährige Lungenfacharzt, Diplom-Ingenieur und ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie DGP (= Lungenheilkunde), Dieter Köhler, nach. In einer mit seinem Namen versehenen „Stellungnahme“ werden die geltenden Grenzwerte für Stickstoffdioxid und Feinstaub scharf attackiert. Besonders im Visier: eine Studie, die das Umweltbundesamt beim Helmholtz Zentrum München in Auftrag gegeben hatte, und die dem Amt seit dem März 2018 dazu dient, die Emissionsgrenzwerte im Straßenverkehr in der Öffentlichkeit zu verteidigen.

Wissenschaftlicher Unfug?

Köhler unterstellt der Expertise einen „systematischen Fehler“, Daten würden zudem „extrem einseitig interpretiert“. Kurzgefasst: Aus Köhlers Sicht sind die Befunde von Helmholtz und Umweltbundesamt wissenschaftlich wertlos und die Grenzwerte für Stickstoffdioxid und Feinstaub unsinnig. Diesem Urteil sollten sich bitte auch die 3800 DGP-Mitglieder per Unterschrift anschließen. Doch weniger als drei Prozent mochten ihrem früheren Cheflobbyisten folgen. (Eine kritische Würdigung der Stellungnahme gibt es bereits bei Wikipedia.)

Im Nu im Rampenlicht

Fassen wir kurz zusammen: Ein seit fast sechs Jahren im Ruhestand befindlicher Mediziner publiziert mit drei Co-Autoren, von denen zwei Ingenieure sind, eine „Stellungnahme“ unter seiner Privatadresse, ohne institutionelles Mandat, auf zwei Seiten ohne Briefkopf; im Grunde nichts weiter als ein Leserbrief. 97 Prozent der Mitglieder seines Fachverbands verweigern ihre Unterschrift. – Und abends ist Köhler im heute journal zugeschaltet, wo er im Gespräch mit Claus Kleber die Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub freundlich lächelnd und unwidersprochen als wissenschaftliche Hysterie abhaken darf. Seither ist Köhler wohl schon in jedem Medium der Republik zu Wort gekommen.

Wissenschaftsjournalisten betreiben Gegenaufklärung

Ich habe nicht vor, das Positionspapier von Köhler & Co in den wirklich relevanten Forschungskontext einzuordnen. Das haben gottlob dazu berufene Wissenschaftsjournalisten längst getan, zum Beispiel Joachim Müller-Jung in der FAZ das Science Media Center in Köln bis hin zu Buzzfeed. Sie haben nachgeholt, was Claus Kleber in seinem TV-Gespräch mit Köhler nicht geleistet hat: Köhler auf Augenhöhe mit Fachexpertise herauszufordern, denn Kleber ist kein Wissenschaftsjournalist.

So haben sich also zum Glück Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten gefunden, die im Nachhinein die Dinge zurechtrückten und versuchten, wozu das Wissenschaftssystem kurzfristig nicht in der Lage war: der interessierten Öffentlichkeit die komplexe Materie näher zu bringen und dabei auch widerstreitende Meinungen innerhalb der Wissenschaft nicht zu verschweigen. Zugleich waren sie es, die die Reputation der Wissenschaft verteidigt haben. Denn das ist die Frage, die mich seit Tagen beschäftigt: Warum nehmen es wissenschaftliche Institutionen widerspruchslos hin, dass ihre Kompetenz und Glaubwürdigkeit von populistischen Politikern, Lobbyverbänden, oberflächlich informierten Medien und profilierungssüchtigen Multiplikatoren im Handstreich demontiert werden?

Das Wissenschaftssystem schweigt

Mit solchen Fragen landen wir zwangsläufig bei dem ebenfalls frisch publizierten, neuesten Papier des Siggener Kreises. Bei der letzten Zusammenkunft dieses Think Tanks von Akteuren aus der Wissenschaftskommunikation im Oktober 2018 ging es, kurz gefasst, darum, wie Wissenschaft ihre Integrität bewahren und der Gesellschaft durch Kommunikation „das nach möglichst objektiven Kriterien jeweils beste verfügbare Wissen über die Welt zur Verfügung“ stellen kann. Weiterhin heißt es: „Wissenschaft „muss auch in der politischen Debatte aktiv sein und Positionen beziehen – (besonders) wenn wissenschaftliche Ergebnisse falsch interpretiert, aus dem Kontext gerissen oder gar missbraucht werden.“

Trifft diese Beschreibung auf die aktuelle Lage zu? Ich finde, ja. Gewiss gehört die leidenschaftliche Kontroverse zum wissenschaftlichen Erkenntnisprozess dazu. Niemand ist im Besitz der einzigen Wahrheit. Aber wenn nur diejenigen in einer Debatte zu hören sind, die am lautesten schreien und die einfachsten Antworten parat haben, dann ist der Wurm drin.

Köhlers Papier spielt Lobbyisten in die Hand

Wenn sich die Wissenschaft vornehm zurückhält, überlässt sie Akteuren das Feld, die wissenschaftliche Befunde aushebeln wollen, um eigene, zumeist politische oder ökonomische Interessen durchzusetzen. Und sie lässt einer Entwicklung freien Lauf, die Partikularinteressen bedient, aber nicht dem Allgemeinwohl dient. So hat Verkehrsminister Scheuer mit Bezug auf Köhlers Papier bereits angekündigt, die Grenzwerte nun auf EU-Ebene in Frage zu stellen (um am langen Ende Dieselfahrverbote zu verhindern). Die Mittelstandvereinigung der Union fordert ein Moratorium für Grenzwerte und Dieselfahrverbote. Die Autoindustrie wird dem streitbaren Pensionär aus der Lungenmedizin Lorbeerkränze flechten. Und die Öffentlichkeit weiß schon lange nicht mehr, wem sie überhaupt noch was glauben soll.

Für das Ansehen der Wissenschaft ist das eine toxische Lage. Nur scheint dies in den Führungsetagen der großen Wissenschaftsorganisationen und –verbände niemanden zu beunruhigen. Bis zum heutigen Tag findet sich auf den Homepages des Umweltbundesamtes und des heftig kritisierten Helmholtz Zentrums in München keine Stellungnahme zu den Vorwürfen Es heißt sogar, dass das Helmholtz Zentrum München Anfragen von Journalisten unbeantwortet zurückgewiesen habe. Krisenkommunikation – und über nichts anderes reden wir hier! – sieht anders aus. (Aktualisierung: Am 30.1. haben Helmholtz Zentrum und Umweltbundesamt jeweils Stellungnahmen publiziert.)

Und so bleibt, wie stets, die Frage: Was tun?

Wird nach den Grenzwerten der Klimawandel abgeschafft?

Ich persönlich wünschte mir, „die Wissenschaft“ hätte ihre Verantwortung als Mitgestalterin der Gesellschaft und deren Zukunft ernster genommen und sich in der Debatte prominent zu Wort gemeldet. Doch darauf ist das System in all seiner Komplexität offenbar gar nicht vorbereitet. Tagesaktuelle Diskurse erfordern eine schnelle Abstimmung von Positionen und eine institutionenübergreifende Verbreitung. Sonst entfalten Stellungnahmen keine Sichtbarkeit. Diesen konzertierten Aktionen stehen aber jede Menge Eigeninteressen und Eigenarten der Institutionen und Verbände entgegen. Kann man sie überwinden?

Ich glaube, es führt daran kein Weg vorbei. Denn Nachrichtenlagen wie die aktuelle werden sich häufen. Der Bedarf an auch für Laien nachvollziehbarem, schnell verfügbarem Orientierungswissen aus der Wissenschaft wird weiter wachsen. Noch leisten Wissenschaftsjournalisten unverzichtbare Aufklärung, doch wie lange noch? Die Kommunikationsverantwortlichen müssen ihre Leitungsebenen viel stärker motivieren, mit dem vielbeschworenen „Dialog auf Augenhöhe“ endlich Ernst zu machen. Und Gräben zwischen Organisationen, Disziplinen, Lehrmeinungen pragmatisch zu überbrücken, wenn es darum geht, mit einem gemeinsamen, kraftvollen öffentlichen Auftritt die Unabhängigkeit und „Wahrhaftigkeit“ von Wissenschaft gegen Meinungsmacher und Realitätsverzerrer zu verteidigen.

Sonst überlassen wir den Manipulatoren und Ideologen das Feld. Und die werden nun, nachdem sie die evidenzbasierte Wissenschaft in der Feinstaub- und Stickoxid-Debatte quasi über Nacht in die Defensive gedrängt haben, mit frischer Zuversicht ein altes Ziel neu in Angriff nehmen: die Entlarvung des anthropogenen Klimawandels als wissenschaftliches Hirngespinst.

 

 

 

 

 

 

 

Wissenschaftler findet: Wissenschaft braucht keine Öffentlichkeit

Unter der Überschrift „Der Weg zur Wahrheitsfindung“ hat der Kölner Philosophie-Professor Thomas Grundmann in der aktuellen duz einen bemerkenswerten Kommentar geschrieben. Ich zitiere: „Laien vertrauen Experten, weil sie innerhalb des Expertensystems durch Ausbildung, Ämter oder Auszeichnungen anerkannt werden.“ Deshalb sollte ein  Laie auch „keine fachlichen Überlegungen gegen Experten anstrengen“, „denn das Vertrauen in die Experten ist der zuverlässigste Weg der Wahrheitsfindung.“

Ist das also die Lösung der gegenwärtig heiß diskutierten Krise des Expertentums: Lieber nicht selbst denken, auch in fachfremden Kontexten, sondern sich einfach auf jene verlassen, die von sich behaupten, zu wissen, was wirklich wichtig ist?

Bestimmt geht Thomas Grundmann davon aus, dass sein Kommentar Widerspruch erfahren wird. Ich fange mal damit an. Der Beitrag ist insofern mutig, als er selbstbewusst und dezidiert einer Hauptforderung widerspricht,  die gegenwärtig an die Wissenschaftskommunikation gerichtet wird: die Bürgerbeteiligung. Der fast schon sprichwörtliche Dialog auf Augenhöhe, nach dem längst auch die Spitzen des Wissenschaftssystems in ihren Reden vielfach rufen.

Thomas Grundmann allerdings hält das für keine gute Idee. Im Gegenteil: „Demokratische Ideale“ lassen sich seiner Meinung nach nicht auf das System Wissenschaft übertragen, ohne dort Schäden anzurichten: „Wissenschaftler sehen sich der Forderung nach Allgemeinverständlichkeit ausgesetzt. Wissensdiskurse gelten als illegitim, sobald sie nicht mehr auf Augenhöhe stattfinden. Aber diese demokratische Kritik an den Asymmetrien der Wissensgesellschaft legt den falschen Maßstab zugrunde und untergräbt systematisch das Vertrauen in Experten und Wissensautoritäten.“

Denn, so fasse ich in meinen eigenen Worten Grundmanns Fazit zusammen, wenn die Meinung des Experten nicht mehr als die richtungsweisende gilt, weil qualitativ gesichert, und jedermann, vor allem im Netz, herausposaunt, was ihm selbst plausibel erscheint, – dann erst geht das Vertrauen in Experten wirklich verloren.

Für uns, die wir in der Wissenschafts-PR arbeiten, sind die Thesen von Thomas Grundmann starker Tobak. Aber ich bin mir sicher, dass viele im System Wissenschaft zustimmen. Denn sie werden davon in einer Haltung bestärkt, die wohl immer noch die überwiegende ist: Dass die Wissenschaft summa summarum doch alles richtig macht. Kein Grund also, sich selbstkritische Fragen zu stellen. Erst recht nicht von Laien.

Grundmanns Kommentar erinnert mich an eine Keynote, die die Kommunikationsforscher Frank Marcinkowski und Matthias Kohring auf Einladung der VolkswagenStiftung hielten (#wowk14). Der Titel ihres Vortrags: „Nützt Wissenschaftskommunikation der Wissenschaft?“ Und ihr Fazit, auf den Punkt gebracht: nein.

„Die Funktion von Wissenschaft ist es offenbar, Sätze zu formulieren die – ein bestimmtes Verständnis von Wahrheit und akzeptierter Methoden ihrer Begründung unterstellt – als wahr gelten und daher als besonders geeignet, menschliches Handeln anleiten zu können. Fest steht dann: Der epistemische Prozess selbst, der Prozess der Zuschreibung von Wahrheitswerten auf Aussagen, bedarf weder der öffentlichen Sichtbarkeit, noch bedarf er der Zustimmung Dritter – schon gar nicht aller denkbaren Dritten. Ob eine Aussage als wahr oder falsch gilt, wird innerhalb der Wissenschaft, in der Regel innerhalb der epistemischen Öffentlichkeiten, der sogenannten Scientific Communities, entschieden.“ (Marcinkowski/Kohring)

Alle drei zitierten Wissenschaftler behaupten nicht, dass Experten unfehlbar seien. Dass einzelne „interessengeleitet oder bestochen“ sein könnten, schließt auch Grundmann nicht aus. Was aber nicht erwähnt wird: Dass Wissenschaft in gefühlt stetig wachsendem Maß mit Widerrufen von peer-reviewed Artikeln Schlagzeilen macht, mit manipulierten Studien und von der Industrie initiierten, wissenschaftlich aber fraglichen Gutachten. Erinnert sei an die von der Autoindustrie in Auftrag gegebenen Tier- und Menschenversuche. So untadelig und selbstregulierend funktioniert das System Wissenschaft also nicht.

Dass Grundmann am Ende seines Kommentars dazu aufruft, das Vertrauen in Experten und Autoritäten zu stärken, ist unbestritten. Nicht aber die Maßnahme, die er vorschlägt: „Deshalb sollte die Öffentlichkeit aufgeklärt werden, dass sich die Spielregeln der Wissensgesellschaft und der Demokratie unterscheiden.“

Ist das die richtige Haltung, um die wachsende Spaltung in Teilbereichen unserer Gesellschaft zu kitten?

 

Staatskohle für Startups im Journalismus!

Vor allem im Online-Journalismus rollt die Gründerwelle, aber selten ein Rubel. Das Geschäftsmodell: Selbstausbeutung. Wer könnte finanziell helfen? Die Öffentlich-Rechtlichen!

Wer nur über den Niedergang im Journalismus jammert, verstellt sich den Blick auf Tröstliches, nämlich die beharrlich wachsende Zahl der journalistischen Startups in Deutschland, vor allem im Online-Journalismus. Ob Correctiv, Hostwriter, Coda Story, RiffReporter oder demnächst Republik: Immer mehr Journalistinnen und Journalisten wagen bewundernswerterweise den Weg ins freie Unternehmertum – und damit auch die Fahrt in einer finanziellen Geisterbahn.

Denn ungeachtet der Vielfalt an Ideen und Konzepten, in einem sind alle Projekte gleich: Sie stehen vom ersten Moment an mit einem Fuß in der Pleite. Marktübliche Refinanzierung über Werbung und Abos funktioniert mangels Masse nicht. Und überhaupt: Wer betrachtet Journalismus noch als eine veritable Dienstleistung, für deren Inanspruchnahme der Kunde zu zahlen hat?

Betteln auf Crowdfunding-Plattformen

Alle digitalen Bezahlmodelle (Later Pay, Schranke, Freemium etc.) haben die Erwartungen bislang nicht erfüllt. Und die Bettelei auf Crowdfunding-Plattformen und bei wohltätigen Stiftungen ist auch kein Ersatz für ein funktionierendes Geschäftsmodell.

Flyerfoto RiffReporter

Eines von zahlreichen Startups im Journalismus: RiffReporter

Dass sich Startups überhaupt halten und die Gründerwelle anhält, beruht auf dem schlichten Prinzip freiwilliger und dauerhafter Selbstausbeutung. Als Newcomer, ohne etabliertes Medienunternehmen im Rücken, lässt sich gesellschaftlich relevanter Journalismus nicht refinanzieren. Das kann man sich dann nur als WG-Bewohner(in) ohne Familie leisten.

Alle journalistischen Neugründungen, zumindest die im Internet, werden dauerhaft auf Subventionen angewiesen bleiben. Doch woher soll die Kohle kommen? Meiner Ansicht nach von dort, wo das Geld immer her kommt, wenn es einer wichtigen Branche ökonomisch schlecht geht: von der öffentlichen Hand.

Subventionen für den Journalismus? Warum nicht?

Das Budget der Öffentlich-Rechtlichen ist trotz gegenteiliger Beteuerungen mit zuletzt 8,1 Mrd. Euro Gebühreneinnahmen nach wie vor üppig bemessen. Warum nicht fünf Prozent davon abzweigen, um ein großes Lab für die Förderung journalistischer Start-Ups ins Werk zu setzen?

Die Idee ist nicht neu und wurde schon früher niemals ernsthaft verfolgt, weil Lobbyisten und die Beharrungskräfte im öffentlich-rechtlichen System eine fundierte Diskussion verhindert haben. Aber ein Wiederaufrollen dieser Überlegung lohnt,  weil sich das gesellschaftliche Umfeld radikal verändert hat. Journalismus ist Teil des derzeitigen Eliten-Bashings. Zur Disruption ist die Diffamierung hinzugekommen.

Junge Gründer(innen) deuten die Zeichen der Zeit richtig und berücksichtigen in ihren Konzepten die Beteiligung von Leserinnen und Leser. Das fördert das Verständnis für die gesellschaftliche Bedeutung und die Arbeitsweise von Medien. Aber es bleibt purer Idealismus, es sind Strohfeuer, solange es keine wirtschaftliche Sicherung gibt.

Wir brauchen Medienvielfalt dringender denn je

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk bleibt gerade in der aktuellen Situation unverzichtbar. Aber abgesehen von durchaus lobenswerten Nischenprodukten wie Funk und heute plus ist die Innovationskraft des Riesenapparats bescheiden. Fundamental Neues kann offenbar nur außerhalb bestehender Strukturen gedeihen.

Ich als Gebührenzahler jedenfalls habe ein großes Interesse daran, dass am Allgemeinwohl orientierte Medien Zielgruppen erreichen, die sich vom Fernsehen und vom Radio längst schon abgewandt oder qua später Geburt diese niemals zu schätzen gelernt haben. Für die Verteidigung demokratischer Grundwerte kann es gar nicht genug Medien geben.

Dafür gäbe ich von meinen Gebührenbeitrag auch gern mehr als fünf Prozent.

Warum der March for Science die Wissenschaft positiv erschüttert hat

Der March for Science am 22. April 2017 hat der Wissenschaft in Deutschland viel positive Aufmerksamkeit beschert.  Gleichzeitig wächst der Druck: Die Kommunikation nach außen und die Haltung nach innen erscheint Kritikern reformbedürftiger denn je. Andererseits erscheint das Wissenschaftssystem dieses Mal auch bereit dazu. Das verdient breite Unterstützung. Und eine Tagung am 25. und 26. Oktober 2017 von VolkswagenStiftung, ZEIT, Leopoldina und Robert Bosch Stiftung

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Ich glaube, so viele wohlmeinende Schlagzeilen hat die deutsche Wissenschafts-Community seit Ewigkeiten nicht mehr gehabt wie am 22. April 2017 – dem Tag des „March for Science“. An gut zwei Dutzend Standorten sollen 37.000 Menschen auf den Beinen gewesen sein. Gemessen an der Bevölkerungszahl ist das wenig. Doch angesichts bürgerlicher Behäbigkeit, die sich ohnehin kaum für oder gegen irgendetwas mobilisieren lässt, war das ganz beachtlich.

Gut vier Monate danach sei nun aber die Frage erlaubt: Was hat der March for Science  gebracht?

Guckt man auf die Habenseite, dann kann man wohl konstatieren: Das Personal an Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen, zumal in leitenden Funktionen, hat verstanden, dass ein neuer Umgang mit gesellschaftlichen Kräften nun wohl doch unvermeidlich geworden ist, wenn man nicht noch weiter aus der Mitte der Gesellschaft driften will. Dass „die“ Gesellschaft „die“ Wissenschaft in der Herausforderung sieht, ihre Relevanz überzeugend deutlich zu machen und Verantwortung bei der Lösung von Zukunftsfragen zu übernehmen.

Schlagworte wie „Transparenz“ und „Partizipation“, mit denen man sich in Wissenschaftskreisen bislang wenig euphorisch auseinandergesetzt hat (es gibt natürlich auch rühmliche Ausnahmen in der Professorenschaft!), bekommen plötzlich neues Gewicht. Das Volk, aber auch Politiker und Interessenverbände, klopfen zunehmend lauter an das Tor im Elfenbeinturm. Und drinnen fragt man sich: Was tun?  „Wir haben ein dramatisches Vermittlungsproblem“, konstatierte Peter Strohschneider, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft – und zwar bereits vor dem March for Science, aber bereits unter dem Eindruck weltweiter Wissenschafts- und Experten-Skepsis sowie Fake News.

Was hat der „March for Science“ noch gebracht – außer Selbstzweifeln in der Scientific Community?

Mir scheint, der „March for Science“ hat einen Geist freigesetzt, der sich nicht mehr in die Flasche zurückdrängen lässt. Es scheint, als formierte sich im Innern des Wissenschaftssystems Widerstand gegen die „So-war-es-schon-immer-bei-uns-und-so-bleibt-das-auch“-Mentalität. Deutlich wurde das bei den Kundgebungen am 22. April, wo insbesondere aus dem wissenschaftlichen Mittelbau kecke Töne zu hören waren, die sich mutig gegen die Beharrungskräfte im Apparat aussprachen. Für mich, als Teilnehmer in Berlin, klang das schon richtig politisch.

Weitere Indizien für latente Opposition lieferte mir neulich eine Diskussion, die Manuel Hartung, Ressortleiter Chancen bei der ZEIT, und ich mit 80 Nachwuchswissenschaftler/innen aus der Förderung der VolkswagenStiftung hatten. Unser Thema „Die Krise der Klugen“. So hatte Hartung im Frühjahr 2017 einen ZEIT-Artikel überschrieben, in dem er die Frage formulierte: „Wo bleibt eigentlich der Aufschrei der Wissenschaft“, angesichts verdrehter wissenschaftlicher Tatsachen (Trump), unverhohlener Wissenschaftsfeindlichkeit (Erdogan, Orban) und grassierender Wissenschaftsskepsis (weltweit)?  Hartungs Eindruck: „Die deutschen Professoren fühlen sich von der rasenden Wirklichkeit um sie herum vor allem in ihrer Arbeit gestört.“

Wachsendes Unbehagen vor allem bei Nachwuchswissenschaftlern

Wer nun annimmt, dass der ZEIT-Redakteur wegen seiner Kritik von den anwesenden Wissenschaftler/innen niedergebuht wurde, sah sich widerlegt. Im Gegenteil: Das Gros stellte seine Polemik überhaupt nicht in Frage, sondern brachte eigenes persönliches Unbehagen zum Ausdruck, dass man im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Erwartung einerseits und dem modernisierungsresistenten Wissenschaftsbetrieb andererseits verspüre.

So scheint sich das Wissenschaftssystem ganz, ganz langsam in zwei Lager aufzuspalten die Wandlungswilligen und die Status Quo-Verteidiger. Es gärt. Und ich glaube, dieses Verdienst darf man dem „March for Science“ getrost anrechnen.

Und nun? Mit Blick auf die Kommunikation mit einem breiten Publikum erschallt vielerorts der reflexhafte Ruf nach „neuen Kommunikationskonzepten“. Das klingt dynamisch, verpflichtet zu nichts und vertagt konkrete Schritte auf eine nicht näher befristete Zukunft. Dabei haben die Kommunikationsprofis in den Universitäten, Hochschulen und Forschungsbereichen über die Jahre ein ständig modernisiertes und diversifiziertes Instrumentarium an Kommunikationsmitteln geschaffen, inklusive  Leitlinien für die bestmögliche Handhabung  – auch und gerade mit Blick auf ein differenziertes Laien-Publikum.

Verantwortung für Wissenschaftsvermittlung lässt sich nicht immer delegieren

Wäre es nicht ein guter erster Schritt, wenn sich die Entscheider im Wissenschaftsbetrieb, die jetzt „neue Konzepte“ fordern, erstmal die bereits bewährten von ihren PR- und Kommunikationsabteilungen erklären ließen? Denn ich unterstelle, dass das Wissen um die Wirkungsweisen von Kommunikationsmitteln im wissenschaftlichen Personal nach wie  vor nicht sehr verbreitet ist. Dabei sollte auch das eine Erkenntnis nach dem „March for Science“ sein: Dass man Wissenschaftsvermittlung nicht immer nur an Kommunikationsabteilungen wegdelegieren kann, sofern man als Wissenschaftler bei einem breiten Publikum glaubwürdig erscheinen will. Das eben setzt den vielbeschworenen Dialog auf Augenhöhe voraus.

Verstärktes Engagement bei der Wissenschaftsvermittlung zieht natürlich die  altbekannten Einwände der Wissenschaftler nach sich: Was bringt mir das für meine Karriere? Soll ich neben meiner Lehr-Labor-Arbeit auch noch Volkshochschule machen? Wofür haben wir Kommunikationsfachleute, wenn ich alles selbst machen muss usw.?

Eine allzu vertraute Litanei. Und doch: Seit dem „March for Science“ klingt sie anders. Nicht mehr nach einem kategorischen „Nein“, sondern immer öfter nach einem vorsichtig tastenden  „Wenn…dann…“

Aufbruchsstimmung? Ja, ich glaube, seit dem PUSH-Memorandum 1999 war die Bereitschaft in Wissenschaftskreisen niemals größer, tradierte Standpunkte kritisch zu reflektieren und offen zu sein für neue Impulse. Der Dialog auf Augenhöhe, der zwischen Wissenschaft und breiter Öffentlichkeit immer eher verdruckst und mit viel Anschieben funktioniert hat, könnte langfristig selbstverständlicher werden.

Wie die Öffnung der Wissenschaft besser gelingt und ihr Nutzen für die Lösung gesellschaftlicher Zukunftsfragen sichtbarer werden könnte – dafür gibt es nicht die eine Lösung. Und es sollte auch nicht allein in der Verantwortung der Wissenschaft bleiben, Lösungen zu finden. Politik, Journalismus, gesellschaftliche Interessengruppen – sie alle sind aufgerufen, am Gelingen dieses Projektes mitzuwirken.

Vielleicht braucht es dafür gar nicht viele neue Konzepte, sondern vor allem mehr Schulterschluss?

Einen Anstoß dazu will eine Tagung bieten, die die VolkswagenStiftung in Kooperation mit der Leopoldina, der ZEIT und der Robert Bosch Stiftung am 25. und 26. Okt. 2017 in Hannover anbietet: „Wissenschaft braucht Gesellschaft – Wie geht es weiter nach dem March for Science?.

Welche Erwartungen die Organisatoren, zu denen ich selbst zähle, mit dieser Veranstaltung verbinden, will ich in den nächsten Wochen hin und wieder an dieser Stelle berichten. Und eure Meinung und Wünsche dazu kennenlernen. Schreibt sie in die Kommentarspalte. Ich freue mich darauf, sie zu lesen und in meinen Beiträgen darauf einzugehen.

Hier geht es zum Programm und zur kostenlosen Anmeldung: www.volkswagenstiftung.de/wowk17

Weiterer Veranstaltungshinweis:

„Speak up for Science – eine offene Konferenz für kommunizierende Wissenschaftler“ veranstaltet Wissenschaft im Dialog am 15. und 16. Sept. 2017 in Berlin. Teilnahme kostenlos, Anmeldung erforderlich.

Blogbeiträge zum „March for Science“:

Im Blog „Wissenschaft kommuniziert“ findet sich eine Fülle von Artikeln und Statements über verschiedene Aspekte des „March for Science“